FREIRAUM FESTIVAL | 8. + 9. Sept.

Das Konzept

Kollaboration als Impuls eines sozialen Raumes

Das FREIRAUM FESTIVAL zielt seit seiner Entstehung im Jahr 2013 darauf ab, dass sich möglichst viele unterschiedliche Akteure des Leipziger Ostens mit Aktionen in ihren Einrichtungen, Vereins- sowie Projekträumen oder in lokalen Parks präsentieren, vernetzen und mit Interventionen den Stadtraum beleben. Die kreativen, künstlerischen oder bewegungsorientierten Aktionen haben zum Ziel, die Besucher_innen und Passant_innen zu aktivieren und zum Mitmachen einzuladen. Vor Ort ansässige Vereine, religiöse Gemeinschaften, Migrantenorganisationen sowie Gewerbetreibende werden explizit aufgefordert, um mit eigenen Beiträgen ihre Türen zu öffnen und den Besucher_innen Einblicke in ihre Kultur oder Religion zu geben.

Dieser Ausdruck von Kollaboration im Sinne einer selbstbestimmten Zusammenarbeit von Individuum, Gruppe und Gemeinschaft zeugt von einer Beschäftigung mit (FREI-)RAUM. Durch die vielfältige und spontane Interaktion zwischen allen beteiligten Akteur_innen und den Besucher_innen des FREIRAUM FESTIVALs wird der städtische Raum temporär verändert. Doch auch der Raum selbst, kann Verhaltensmodi oder Handlungen des Menschen beeinflussen.

Jenen Aspekt verfolgend, möchten die Initiator_innen des diesjährigen FREIRAUM FESTIVALs den Begriff des sogenannten Möglichkeitsraumes etablieren, womit eine kritische Auseinandersetzung mit Raum und die von ihm ausgehende Prägung menschlichen Verhaltens gemeint ist.


Das Konzept der Möglichkeitsräume / Von Mensch zu Raum

»Räume sind keine absoluten Einheiten, sondern ständig (re)produzierte Gewebe sozialer Praktiken.«*

Gesellschaft erzeugt Raum. Er muss hergestellt, produziert, konstituiert werden, denn er existiert nicht a priori. Doch die Gesellschaft, für uns die unmittelbaren Bewohner_innen eines Stadtteils, haben nicht immer die Entscheidungshoheit, wenn es um die Gestaltung des urbanen Mesoraumes geht. Zwar wird diesem Raum ein immanenter Wandel unterstellt, da sich die ihn produzierende Gesellschaft stets verändert, dies gilt aber nur bedingt für Räume, die mit festgelegten Funktionen, Regeln und Verhaltensmodi in Verbindung gebracht werden. Denn diese Räume strukturieren Interaktion und Kommunikation, machen Geschehnisse gleichermaßen wahrscheinlich wie unwahrscheinlich.

Da wir jedoch davon ausgehen, dass Raum stets das Resultat aktiver sozialer Prozesse sein kann, müssen wir uns vergegenwärtigen, dass wir seine Ausprägungen, entgegen ökonomischen, politischen oder organisatorischen Interessen, selbst bestimmen können. Das Bewusstsein zur Mitbestimmung, erlaubt es dem Individuum neue Möglichkeiten zur Strukturierung des städtischen Raumes wahrzunehmen. Daraus entsteht das Potential, Räume anders zu nutzen, als bisher vorgeschrieben oder praktiziert. 

* Kessl, Fabian und Reutlinger, Christian (2007): Sozialraum. Eine Einführung, Mit einem Beitrag von Ulrich Deinet. Wiesbaden: VS-Verlag, S. 19


Die Erweiterung des Raumes / Von Raum zu Mensch

Was für Ansätze es, neben Beispielen wie dem Parking Day oder Shared Space geben kann, wird das FREIRAUM FESTIVAL 2017 durch eine neue Zusammenarbeit erproben. Gemeinsam mit der evangelisch-lutherischen Gemeinde realisieren die Initiator_innen in der Heilig-Kreuz-Kirche am Neustädter Markt am 08.09. und 09.09. eine kleine Konzertreihe.

Wo Bevölkerungsteile eine Kirche zumeist als Ort von Andacht, Chorkonzert oder religiöser Zeremonie verstehen, soll jenes Bild und die damit einhergehende Vorprägung hinterfragt werden. Hierfür wird der sakrale Kirchenraum mit klassischen, alternativen oder neueren Formen der Musik- und Klangerzeugung kontrastiert, wodurch ungewöhnliche Sichtweisen und räumliche Potenziale angeregt werden können. Die öffentliche Ausschreibung (Open Call) zur Konzertreihe adressiert bewusst die Leipziger Musikszene, aber verschließt sich dabei nicht Einreichungen anderer Landesteile. Zudem können die Konzerte um künstlerische Aktionen aus Tanz, Theater oder Lichtkunst ergänzt werden.

Wenn Denkweisen durchbrochen oder Schranken überwunden werden sollen, erscheint Musik als ein ideales Medium. Mit ihr können neue Perspektiven angedeutet und ermöglicht werden. Sie schafft eine Basis für Identifikation, ob von Mensch zu Raum, oder von Raum zu Mensch.


Raumkonzepte sehen und verstehen

Vertiefend zum Festivalprogramm und den Konzerten, rufen das Japanische Haus und Roomstudies ein kleines Symposium ins Leben. Im Rahmen dessen sollen zum einen auf einer wissenschaftlichen Basis über städtische Entwicklungen und Modelle räumlicher Möglichkeiten in Leipzig vergleichend aufgeklärt, und zum anderen Diskussionswege geebnet werden. Hierfür sind sowohl universitäre Fachvorträge, als auch Vorstellungen von Leipziger Initiativen und deren Engagements vorgesehen. Dabei setzen wir uns zum Ziel, einen Beitrag zu der Frage zu leisten, wie die soziale und kulturelle Vielfalt im Leipziger Osten nachhaltig erhalten bleiben kann und wie sich Möglichkeitsräume oder Freiräume im Stadtteil manifestieren. Durch das Symposium kann unterschiedlichen Ansprüchen Sorge getragen, das Netzwerk-Ost gestärkt und um neue Verbindungen ergänzt werden. Externe und interne Perspektiven treffen aufeinander und werden zudem um gesamtstädtische Entwicklungen erweitert. Daraus ergibt sich der thematische Schwerpunkt:

Möglichkeitsräume im Leipziger Osten (und darüber hinaus):
ein Exkurs in Theorie und Praxis.

Wie funktionieren Modelle wie Wächter- oder Ausbauhäuser? Wo sehen die An- und Bewohnerinnen positive und negative räumliche Veränderungen im Leipziger Osten? Was für Entwicklungsprogramme sind für den Stadtteil vorgesehen? Welche Potenziale bieten Freiräume und wie können deren Möglichkeiten hinterfragt oder aus anderen Blickwinkeln betrachtet werden?

All diese Fragen gilt es konstruktiv zu beantworten und mit Meinungen zu begegnen. Denn gerade vor dem Hintergrund der Entwicklungen um das Westwerk-Gelände in Plagwitz, erscheint eine Stärkung von Zusammenarbeit und Mitbestimmung, auch über das eigene Viertel hinaus, mehr als angebracht!


Ziele

Das FREIRAUM FESTIVAL 2017 möchte …

a) ... Bewohner_innen, Künstler_innen, Expert_innen, Besucher_innen und Initiativen einladen, sich Gedanken über Raum zu machen und jenen mit einem neuen Bewusstsein zu erleben und zu bewohnen.

b) … den hiesigen Initiativen eine Repräsentationsgrundlage bieten, um über die eigene Arbeit zu informieren und Entwicklungen im Leipziger Osten im Dialog mit den Besucher_innen zu reflektieren.

c) … Beispiele für eine erweiterte Nutzung vorgeprägter Räume aufzeigen und versuchen potenzielle sowie alternative Funktionen und Möglichkeiten anzudeuten bzw. zu erproben.

d) … das vorhandene Netzwerk im Leipziger Osten durch eine kontinuierlich fortgesetzte Kollaboration stärken und sinnvoll um neue Instanzen erweitern.

e) … die demokratischen Kulturen des Stadtteils stärken.

The Concept

Collaboration as an Impuls of a Social Space

Since its conception in 2013, the aim of the FREIRAUM FESTIVAL has been for different players in the East of Leipzig to be able to present themselves with endeavors in their own respective facilities, club- and projectspaces or local parks, as well as to network and invigorate the city district. The objective of the creative, artistic and motion-oriented projects is to motivate visitors and pedestrians and to invite them for participation. Local clubs, religious communities, migrant organisations as well as entrepreneurs are explicitely called upon to open up their doors with their own projects to enable visitors to gain an insight into their culture and religion.

This expression of collaboration in the sense of independent cooperation between the individual, group and community shows engagement with (FREI)RAUM – (FREE)SPACE. Due to the diverse and spontaneous interactions between players and visitors of the FREIRAUM FESTIVAL the urban space is getting temporarily changed. Likewise can the space itself in return influence behavioral modes and actions of the people.

Following that aspect the initiator's of this year's FREIRAUM FESTIVAL would like to establish the concept of the so called Potential Space, meaning a critical debate about space and its effect on human behaviour.


The Concept of the Potential Spaces / From Person to Space

»Spaces are no absolute units but rather constantly (re)produced fabrics of social practices.«*

Society creates space. It needs to be manufactured and constituted as it doesn't exist independently from people. Yet the society, for us the residents of a district, does not always take part in the decision of how to arrange the urban space. It is implied that the space is indeed under immanent change as the producing society is under constant modification, yet it only holds true for spaces with fixed functions, rules and modes of conduct. These spaces structure interaction and communication and make every event probable as well as improbable.

Since we presume that space can always be the result of active and social processes we have to realize that we can determine it's characteristics ourselves despite economical, political and organisational interests. The awareness for participating in the decision-making enables the individual to realize new possibilites for structuring the urban space. From this originates the potential to use spaces differently than previously dictated or practised.


The Extension of Space / From Space to Person

Through an exemplary collaboration, the FREIRAUM FESTIVAL 2017 will test what kind of approaches can exist besides the already established Parking Day or Shared Space. The Protestant-Lutheran community, together with the initiators, will organize a small-scale series of concerts in the Heilig-Kreuz-Kirche at Neustädter Markt from 08.09. to 09.09.

Parts of the public view the church as a place of prayer, choir and religious ceremony. This image and the preconception that goes along with it is to be questioned. The sacred chruch interior will therefore be contrasted with classical, alternative and new forms of music and sound production to stimulate unconventional point of views and spacial potentials. The Open Call for the concerts is purposefully adressed to the musical scene in Leipzig but does not exclude submissions from other regions. Furthermore it is possible for the concerts to be complemented with performances from dance, theatre or light design.

Music appears to be the ideal medium to break down ways of thinking and barriers. With it's help new perspectives can be indicated and made possible. It generates a basis for identification regardless if from person to space or from space to person.


Perceiving Concepts of Space and Understanding Them

In expansion of the framework programme and the concerts the Japanese House and Roomstudies are putting together a small symposium to comparatively explain urban development and backgrounds in Leipzig on a scientific basis and pave the way for alternative ways of discussion. To achieve this there will not only be academic lectures but also presentations of initiatives from Leipzig and their commitments. Our goal is to provide a contribution to the question on how the social and cultural diversity in the East of Leipzig can be continuously preserved. Through the symposium different demands can be taken care of, the Network-East strengthened and new connections added. External and internal perspectives are going to come into contact and be expanded upon in regards to city-wide developments. The resulting main focus of the symposium is as follows:

Potential Spaces in Leipzig-East (and beyond):
an excurse in theory and practice.

How do models like Wächter- and Ausbauhäuser work? Where do residents see positive and negative spacial changes in the East of Leipzig? What kind of development programmes are scheduled for this district? Which Potentials free rooms offer and how can we questioning their possibilities?

It is essential for these questions to be answered constructively and confronted with ideas. A strengthening of collaboration and participation, even beyond one's own district, seems appropiate, especially in the light of the developments surrounding the Westwerk-compound in Plagwitz!


Goals

FREIRAUM FESTIVAL 2017 intends to ...

a) ... encourage residents, artists, experts, visitors and initiatives to think about space and to experience it with a new awareness.

b) ... provide the local initiatives with a basis for representation to inform about their work and reflect developments in the East of Leipzig in a dialogue with the attendants.

c) ... give examples for an expanded use of pre-affected spaces and try to indicate and test out potential as well as alternative functions and possibilities.

d) ... strengthen the existing network in the East of Leipzig with a continued collaboration and expand it reasonably with new authorities.

e) ... strengthen the democratic cultures of the district.

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